German Design Angst

Ich bin über einen spannenden Artikel von Oliver Herwig gestolpert, der zentral mit der Frage lockt „Steckt der Designstandort Deutschland wirklich in der Krise?“, was mich ins Grübeln brachte. Ein paar lose Gedanken dazu: 

Der Artikel konzentriert sich in erster Linie auf das deutsche Industriedesign. Das greift mir am Ende zu kurz – die Verschiebung der wertvollsten Unternehmen rüber in die Tech/Softwaresparte ist schon seit Jahren abgeschlossen. Nur Tesla tummelt sich als letzter (überbewerteter?) Auto-/Softwarehersteller noch in den Top 10 der weltweit wertvollsten Unternehmen.

Deutschlands Fluch und Segen ist die Automobilindustrie. Sie brachte den Wohlstand, der nun durch verschleppte Progression der deutschen Automobilhersteller ins Wanken gerät. Das ist in erster Linie kein Designproblem (all den Beef um die menschenunfreundlichen Touch UIs mal beiseite). Die über die Jahrzehnte selbst geschaffenen Rahmenbedingungen sind gewiss kein Motivationstreiber, um mutige Designs zu fördern. Da können andere (jüngere) Unternehmen befreiter angreifen.

Autos beiseite: Die beschriebene Verunsicherung, die German Angst, erlebe ich in der Tech-Sparte nur bedingt, in meinen Produktteams kaum bis gar nicht. Hier sehe ich in Deutschland einen Pragmatismus in der (digitalen) Produktentwicklung, der von den großen (US) Tech-Konzernen und ihren Produktteams vorgelebt wird. Diese Lass mal machen-Attitüde wiederum beeinflusst nachhaltig die Ästhetik deutscher/europäischer Produkte: der Treiber ist der Purismus mit Blick auf das Wesentliche (im erweiterten Geiste von Bauhaus und HfG Ulm), was sich als globale Sprache inzwischen durch alle Felder zieht – Branding, Produkt Design, Architektur, Interior-, Mode und Industriedesign. Schlank starten ohne Nebelkerzen und bei Bedarf eine große Portion Emotionalität zur Funktionalität dazugeben. 

Ich glaube wir sind schon lange auf dem besten Weg, die auf die Sekunde, Millimeter und Pixel perfektionierten und stocksteifen Arbeitsweisen mehr und mehr hinter uns zu lassen und die Fehlerkultur, die eben die moderne Produktentwicklung mit sich bringt, zu verinnerlichen. KI lässt uns noch iterativer, agiler und fehlerfreundlicher entwickeln. Ich bin bester Dinge, dass wir auch die letzte German Angst abschütteln werden und uns selbst so wahrnehmen wie unsere internationale Außenwelt: selbstsicher und wertvoll. 

Deutschland kann Design ohne Handbremse. Trauen wir uns mehr zu!

Diesen Schnipsel habe ich auch auf LinkedIn geteilt.

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